54.000 Kubikmeter Müll im öffentlichen Raum. Berlin 2024.
2020 waren es noch 40.000. In vier Jahren sind es 35% mehr. Das ist eine Entscheidung täglich neu getroffen, kollektiv, stillschweigend.
Das Problem im System
Die BSR hat 2025 exakt 13 Millionen Euro für illegal abgeladenen Müll ausgegeben. Nicht reguläre Abfuhr. Nur Nachsorge für Dreck, den jemand nachts hingestellt hat und dann verschwunden ist. Drei Jahre zuvor war es noch die Hälfte.
Der Senat zückt die Peitsche und sagt Zigarette hinwerfen kostet 250 Euro. Kaffeebecher wegschmeißen: 250 Euro. Sperrmüll illegal abladen: bis zu 11.000 Euro.
Ziemlich krasse Zahlen, oder?
Aber wer kontrolliert das? Das Ordnungsamt hat 24 Mitarbeiter für ein Gebiet von der Fläche einer mittleren Großstadt. Am Mauerpark an einem Sommersonntag, mit bis zu 10.000 Menschen, laufen zwei Streifen. Zwei.
Und dann die Infrastruktur, die fehlt: Im Wedding gibt es keinen einzigen BSR-Recyclinghof. Die Müllentsorgungsinfrastruktur ist schlicht nicht mit der Stadtbevölkerung mitgewachsen.
Das Problem der Gesellschaft
Hier liegt der eigentliche Kern.
Ein Satz, der alles erklärt: „Wenn man sieht, es liegt schon überall was, ist die Hemmschwelle viel niedriger, noch irgendwas dazuzulegen.“
Das nennt sich Broken-Windows-Theorie: Verwahrlosung erzeugt Verwahrlosung. Wer in einer vermüllten Umgebung steht, denkt: Na und! Das macht doch jeder so.
“Der Broken Windows Ansatz – häufig auch als Broken Windows Theorie bezeichnet – gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Konzepten der modernen Kriminologie. Die zentrale Annahme von James Q. Wilson und George L. Kelling lautet: Bereits geringe Anzeichen von Unordnung können als Signal fehlender sozialer Kontrolle wahrgenommen werden und dadurch weitere Normverletzungen bis hin zu schwerer Kriminalität begünstigen. Die berühmte „zerbrochene Fensterscheibe“ steht dabei nicht nur für eine konkrete Beschädigung, sondern für sichtbaren Verfall im öffentlichen Raum und für die Botschaft, dass sich offenbar niemand zuständig fühlt.
Kernaussage des Broken Windows Ansatzes: Nicht erst schwere Straftaten, sondern bereits sichtbare Zeichen von Unordnung können das Signal aussenden, dass in einem Viertel niemand mehr für Ordnung sorgt. Genau diese Wahrnehmung fehlender Kontrolle soll nach Wilson und Kelling weitere Normverletzungen begünstigen.” — soztheo.de
Genau das „das macht doch jeder so“ ist die Ausrede, die Ordnungsamtsmitarbeiter in Berlin am häufigsten hören. Gefolgt von: „Es ist nicht meins“ und „Kümmert sich doch jemand anderes.“
Und das Muster hat keine soziale Klasse, denn am 1. Mai sammelt die BSR 350 Kubikmeter Müll allein im Görli und den Kreuzberger Straßen 170 Mitarbeiter, 70 Fahrzeuge, ein Morgen danach. Das sind keine Verlierer der Gesellschaft in dieser Gegend, das sind die Leute mit Oatmilk Latte und Wohlstandsverwahrlosung, die eine Stadt als Festival-Gelände konsumieren.
Der Unterschied zwischen Berlin und Tokyo: Tokyo hat kaum Mülleimer. Die Straßen sind aber trotzdem sauber! Nicht weil der Staat so viel aufräumt — sondern weil das soziale Skript lautet: Du nimmst deinen Scheiß wieder mit. Jahrzehntelanges Training. Berlin hat noch nicht mal angefangen erwachsen zu werden.
Die Lösung
Hamburg hat zum Beispiel eine Dreistruktur: Müllpolizei, Wastewatcher, Kümmerer — drei Rollen, direkte Kommunikation, kein Verwaltungsstau zwischen Ordnungsamt und Stadtreinigung. Wenn morgens was gefunden wird, ist es eine Stunde später weg. Berlin braucht für denselben Vorgang mehrere Eskalationsstufen und ausgestellte Aufträge. Ist alles unökonomisch.
In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es bereits Wastewatcher. Es sind Beamte in Zivil, die Hotspots abfahren und Verursacher vor Ort stellen. Der Ansatz wirkt, er ist noch nicht auf ganz Berlin übertragen.
Daneben: BSR-Sperrmüllabholung für maximal 50 Euro direkt vor der Haustür. Kaum einer nutzt es. Kommunikation als ungelöste Hausaufgabe. Kennen wir aus der Datingwelt hier in Berlin ;). Und die Zivilgesellschaft macht was: Zero-Waste-Aktionswochen 2024 mit 330 Events. Kieztage der BSR: 170 Stück, über 1.000 Tonnen Sperrmüll gesammelt. Stadtteilinitiativen in Neukölln, die mit Schulen und Familien arbeiten. Das ist die richtige Ebene! Klein, direkt und nachhaltig.
Radikale Klarheit
Die Ordnungsamtsmitarbeiter, die in dieser Stadt Müllsünder stellen werden beleidigt, angegriffen und runtergemacht. Sie erfahren sogar Messerangriffe. Einer wurde zweimal von einem Auto angefahren. Für was? Dafür, dass sie Leute darauf hinwiesen, dass Kippen auf dem Asphalt verboten sind! Das ist Berlin, Bitch!
Die Stadt, die ihren öffentlichen Raum als Nicht-Raum behandelt. Der Senat kann Bußgelder erhöhen. Er kann Strategien beschließen. Er kann 19 Millionen Euro in Sauberkeit investieren. Aber er kann keine Haltung verordnen.
Berlin ist dreckig, weil zu viele Leute entschieden haben, dass der Dreck das Problem von jemand anderem ist. Diese Entscheidung kann auch rückgängig gemacht werden.
Fang mit deiner Kippe an, du Verantwortungsloser.
Quellen: BSR Geschäftsbericht 2024 | Senat Berlin: Bußgeldkatalog Umweltschutz November 2025 | Senatsverwaltung Berlin: Daten zur Stadtsauberkeit 2024 | EUWID Recycling: Illegale Entsorgung kostet Berlin über 10 Mio. € | Zero Waste Berlin | BUND Berlin: Engagiert für Zero Waste 2026 | YouTube: „Berlin: Höhere Strafen gegen Vermüllung“ | YouTube: „Müllchaos im Kiez“ (Focus TV Reportage) | YouTube: „Berlin versinkt im Müll — Wer räumt auf?“ | YouTube: „Berlins Mülldetektive — Wastewatcher im Einsatz“
Tarkan TuranBerlin